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Dr. Dörthe BeurerWie finde ich heraus, welches Berufsfeld zu mir passt?

Antworten gibt es beim „Be-in“-Kongress in Heidelberg

DR. DÖRTHE BEURER arbeitet als psychologische Berufs- und Laufbahnberaterin. Ihre Klienten bewegen sich zwischen 17 und Ende 40. Sie sind unsicher bezüglich des Studienfachs oder einer Ausbildung. Manche stehen kurz vor dem Start ins Berufsleben und schwanken zwischen verschiedenen Jobangeboten, andere wollen sich neu orientieren. Worum es in ihren Werkstattgesprächen beim „Be-in“-Kongress u.a. gehen wird, erklärt sie im Interview.

Wie kommt es, dass ich zwar bei Personalauswahlverfahren schon öfter Psychologen begegnet bin, aber noch nie im Kontext mit Berufs- oder Laufbahnberatung?

Weil es bisher nur wenige Psychologinnen und Psychologen gibt, die sich darauf spezialisiert haben. Das ändert sich gerade. Die Frage, welcher Berufsweg zu mir passt bzw. zu welchem ich passe, stellt sich heute und noch mehr in Zukunft nicht nur einmal im Leben. Die Digitalisierung und absehbar auch die Künstliche Intelligenz zwingen mehr Menschen zum Aus- oder Umsteigen aus ihrer bisherigen Tätigkeit. Wir beobachten zudem eine Zunahme psychischer Erkrankungen, die zum Teil arbeitsbedingt sind oder zumindest mit veränderten Arbeitsprozessen zusammenhängen. Aus all diesen Gründen wächst der Bedarf an Beratung aus psychologischer Perspektive.

Kann der Kongress den Studierenden dabei helfen herauszufinden, was sie wirklich wollen? Oder geht es Ihnen mehr darum, den Teilnehmern überhaupt Wissen an die Hand zu geben, wie sie selbst oder mit Hilfe anderer am Ende herausfinden, welches der für sie optimale Weg in den Beruf ist?

Ich denke beides ist möglich. Es hängt davon ab, wie weit die einzelne Person auf ihrem Entscheidungsweg bereits ist. Manche wissen vom ersten Semester an genau, was sie später tun wollen; andere bleiben lange offen. Danach richtet sich, ob jemand in so viele Workshops wie möglich geht und damit in verschiedenste Berufsfelder hineinschnuppert oder sich über  Spezialisierungen im „Wunschfeld“ informiert, gegebenenfalls auch mehr über ethische Aspekte oder die Arbeitsmarktlage erfahren will.

Entscheidungen fällen die meisten Menschen ja nicht einsam. Studierende haben Freunde, Eltern, sie lesen etwas über Berufschancen auf unterschiedlichen Feldern in den Medien. Das sind alles Einflüsse, die ggf. in die Entscheidung einfließen. Was ist also „die eigene“ Entscheidung?

Manche Menschen haben ein gutes Gespür dafür, was sie von innen heraus antreibt und was von außen gesetzte Ziele sind. Andere haben das nicht. Bei jungen Leuten setzen Eltern häufig Ziele, durchaus in bester Absicht und oft solide begründet. Manche Eltern finden Verdienstmöglichkeiten oder einen sicheren Arbeitsplatz wichtig, obwohl es für die berufswählende Person selbst nicht so wichtig ist. Angebote auf dem Arbeitsmarkt und Trendberufe können auch solche von außen vorgegebenen Ziele sein.

Wie finden Sie heraus, welches die inneren und welches die von außen gesetzten Ziele sind?

Die Diskrepanzen, die es zwischen inneren und von außen gesetzten Zielen und Motiven gibt, kann man messen. Dafür liegen gut fundierte Forschungsergebnisse vor. Ich verwende Fragebögen und/oder bildgestützte Tests. Je größer die dadurch sichtbar werdenden Diskrepanzen sind, je stärker die Wahrscheinlichkeit von Stresserleben bis zum Burnout. Es kostet viel Kraft, Dinge zu machen, die im Widerspruch zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen stehen.

Sie machen zwei Werkstattgespräche beim Kongress?

Ja, eines zu Berufspsychologie und Berufsberatung, also angewandte Berufspsychologie. Dort geht es mir darum zu vermitteln, welches Rüstzeug man braucht, wenn man sich schon in diese Richtung entschieden hat. Das zweite Angebot ist etwas für noch Unentschlossene, wo es praktische Tipps geben wird, wie man sich einer Entscheidung überhaupt annähern sollte – eine Selbsterkundung.
Gibt es dafür ein Rezept wie für ein gutes Essen?
Tatsächlich gibt es ein Grundrezept – bestehend aus Zutaten, Handlungsschritten und Zielen. Ein Ergebnis meiner Arbeit ist das Grundrezept für die Person-Beruf-Passung (Beurer, 2017). Es zeigt, was man aus psychologischer Sicht mindestens für eine gute Berufswahl und einen guten Berufsweg braucht und hilft Antworten auf die Fragen zu finden: Welcher Beruf passt zu mir und zu welchem Beruf bzw. welcher Arbeit passe ich?

Gilt das für immer oder gibt es „Verfallsdaten“?

Passung ist etwas Dynamisches. Nicht nur in der Partnerschaft, sondern auch im Berufsleben gilt: Was heute passt, passt morgen vielleicht nicht mehr. Berufliche Interessen können sich ändern, neue Arbeitsfelder entstehen, andere verlieren vielleicht an Bedeutung oder bieten keine guten Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Eine wichtige Rolle neben der Passung spielen auch Ziele. Ein guter Berufsweg aus arbeitspsychologischer Perspektive führt zu guter Leistung und Erfolg, macht zufrieden und stolz, fördert Wohlbefinden und körperliche und seelische Gesundheit. Wenn ich unterm Strich mehr Freude an meiner Arbeit habe und weniger Frust, Stress und Anstrengung empfinde, dann habe ich einen guten Berufsweg für mich gefunden. In der Beratung spreche ich alle diese Ziel-Aspekte an. Für eine systematische Bestandsaufnahme lassen sie sich mit passenden Instrumenten messen (z. B. zur Arbeitszufriedenheit, Arbeitsfähigkeit, Wohlbefinden und Gesundheit).

Zu einem guten Rezept gehören auch gute Zutaten. Welche Zutaten braucht eine Absolventin der Psychologie für welches Berufsfeld, und vor allem: wie findet sie diese heraus?

Als Zutaten für eine gute Berufswahl werden im klassischen Berufsberatungsmodell die Fähigkeiten und Interessen in den Blick genommen, um dazu passende Berufe bzw. Berufsfelder zu finden. Zusätzlich habe ich in mein Grundrezept Bedürfnisse bzw. Motive als weitere Zutaten aufgenommen (Leistungs-, Anschluss- und Machtmotiv). Dabei muss man zwischen bewussten und unbewussten Motiven unterscheiden (in der Forschung wird auch von impliziten und expliziten Motiven gesprochen).
Alle drei Zutaten lassen sich mit psychometrisch gut validierten Tests messen. Bei guten Interessentests gibt es praktischerweise in der Regel passende Berufsvorschläge, manchmal auch bei Fähigkeitstests (Intelligenztestaufgaben), wenn sie z. B. Teil von Selbsttestangeboten im Internet sind. Für die bewussten und unbewussten Motive sollte man die passenden Instrumente verwenden (Fragebogen und projektive oder semi-projektive Tests).

Garantieren gute Zutaten gute Ergebnisse, in diesem Fall also berufliche Erfolge?

Gute Potenziale sind noch lange keine Garantie für einen gelingenden Berufsweg. So führt hohe Intelligenz nicht automatisch zum Berufserfolg. Es braucht auch Handlungskompetenzen, wie eine gute Köchin sie ja auch hat. Mit dem Grundrezept werden deshalb in der Beratung nicht nur die Potenziale einer Person in den Blick genommen, sondern auch ihre Handlungskompetenzen. Im Arbeitsleben nutzen mir aber auch die tollsten Handlungskompetenzen nichts, wenn ich im Job keine Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume habe. Wenn ich gerne eigenständig arbeite, dann passt eher eine Arbeit, bei der diese Spielräume existieren. Mit engen Verwaltungsvorgaben würde ich auf Dauer nicht glücklich werden.

Wollen Sie die Studierenden auch ermuntern, nach Abschluss ihres Studiums psychologische Berufsberatung zu ihrem Arbeitsfeld zu machen?

Nicht unmittelbar nach dem Ende des Studiums. Ich halte erste Erfahrungen im Angestelltenverhältnis für sinnvoll – zum Beispiel beim Berufspsychologischen Service der Bundesagentur für Arbeit. Die Selbstständigkeit fordert einem einiges ab und ist nicht ohne finanzielle Risiken. Aber etwas später ist das natürlich eine Option, wenn die psychologische Berufsberatung zu den Betreffenden passt und mit ihren Zielen und Handlungskompetenzen kompatibel ist. Es sollten wirklich mehr Kolleginnen und Kollegen im Interesse der Ratsuchenden in dieses Feld gehen. Sie können damit Menschen helfen, die sonst womöglich unglücklich oder gar krank werden, wenn sie die falsche Berufswahl getroffen haben und dies als persönliches Scheitern erleben. Ich habe das Berufsberatungsfeld intensiv durchforstet, habe mir angeschaut, was der Staat macht, was Schulen machen und welche privaten Berufsberater es gibt. Da tummelt sich eine große Palette von Qualifikationen. Bei einigen scheinen mir Erfolg oder Misserfolg für die Klienten doch eher Zufall zu sein, als das Ergebnis sorgfältiger Diagnostik und Beratung.