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Anke Kompa-LangArbeit am Täter ist aktiver Opferschutz

ANKE KOMPA-LANG war als Psychologin und später Psychotherapeutin bei ihrer Arbeit 6 Jahre lang von schweren Jungs umgeben. Sie arbeitete in einer Justizvollzugsanstalt in Rheinland-Pfalz und hatte es dort mit Männern zu tun, die nach zum Teil schweren Straftaten zu unterschiedlich langen Haftstrafen verurteilt worden waren. Wie es dazu kam hat die Referentin beim „Be-in“-Kongress uns im Vorfeld verraten.

Wie hat es Sie in eine JVA verschlagen?

Ich hatte bereits etliche Jahre ehrenamtlich die Außenstelle des Weißen Rings hier im Kreis Bernkastel-Wittlich geleitet. In dieser Zeit entwickelte sich allmählich das Interesse, nach den Opfern auch einmal die Täter kennenzulernen. Das haben nicht alle der Kolleginnen, Kollegen und ehrenamtlichen Mitarbeiter verstanden. Sie sahen darin einen Seitenwechsel, zeigten sich äußerst irritiert und stellten mein Handeln anfangs sehr deutlich in Frage. Ich sah das völlig anders: Die Beschäftigung mit Opfern ist häufig sehr schmerzhaft, auch weil man rasch an Grenzen stößt. Ich hatte inzwischen die Ausbildung zur Psychotherapeutin begonnen. Dieses Wissen wollte ich unbedingt anwenden, was in meiner dortigen Tätigkeit nicht möglich war.

Sie empfanden es also nicht als Seitenwechsel?

Im Gegenteil. In der JVA begriff ich sehr bald, dass die Arbeit am Täter ein ganz aktiver Opferschutz ist.

Worin bestand diese Arbeit im Einzelnen?

Es ist eine ausgesprochen vielseitige Tätigkeit. Sie besteht aus Einzelgesprächen mit den Häftlingen, aus unterschiedlichen Trainings – soziales Kompetenztraining, Antigewalttraining, Trainings für Sexualstraftäter – aber natürlich auch aus umfangreicher Aktenarbeit, die zum Teil weit in die Vergangenheit eines Insassen zurückreicht. Aktenarbeit ist permanente Begegnung mit Gewalt.

Aber Menschen kommen ja nicht als Täter auf die Welt.

Das ist richtig. In der psychologischen und psychotherapeutischen Arbeit, aber auch durch die Akten lernt man deren Geschichte kennen, die aus ihnen Täter hat werden lassen, was ihr Verhalten nicht entschuldigt, aber – von Ausnahmen abgesehen - erklärt. Zur Tätigkeit in der JVA gehören zudem Sitzungen, in denen über die Häftlinge, ihre eventuellen Fortschritte oder auch Probleme gesprochen wird. Behandlungspläne werden erstellt, Gruppen- und Einzeltherapien terminiert. Es wird eingeschätzt, wer Vergünstigungen in Form z.B. von Freigang, Hafturlaub oder einer vorzeitigen Entlassung bekommen kann. Berichte müssen geschrieben werden. Als Psychologe machst du auch Gefährdungsbeurteilungen. Das ist nicht einfach und mit großer Verantwortung gegenüber dem Häftling aber auch gegenüber der Öffentlichkeit verbunden. Entlassung wie Verweigerung muss ich argumentativ gut begründen können. Fachwissen ist dazu unverzichtbar. Zu viel Empathie ist fehl am Platze – nicht nur wegen der Urteilsfähigkeit, sondern auch, weil man unter Umständen angefeindet und bedroht wird.

Haben Sie ausschließlich mit männlichen Straftätern gearbeitet?

Ja. Als Angestellte – und das war ich – wechselt man normalerweise nicht in eine andere Häftlingsgruppe. Bei Beamten ist das zum Teil anders.

Was bedeutet es, als Frau männlichen Tätern gegenüberzutreten?

Unabhängig davon, ob Frau oder Mann, macht man zunächst die Erfahrung, wie schwierig es ist jemanden zu ermuntern, sich und sein Verhalten so zu verändern, dass er nicht wieder straffällig wird. Das ist unsere Aufgabe im Interesse der Bevölkerung und ihrer Sicherheit. Die Arbeit als Frau mit Männern wird in dem Maße schwieriger, in dem wir es mit Häftlingen aus anderen Kulturen zu tun haben, die zum Teil keinen Respekt vor Frauen haben und sich ihnen gegenüber auch nicht zu öffnen bereit sind oder erst nach langer Zeit. Sie haben Schwierigkeiten, Anweisungen von einer Frau entgegenzunehmen; da rennt man manchmal gegen Mauern, je nachdem, wie stark die kulturelle Prägung ist. Durch die Zunahme von Gefangenen aus anderen Kulturkreisen entsteht ein völlig neues zusätzliches Problem im Strafvollzug.

Gibt es nicht bei allen Gefangenen eine Hürde sich zu öffnen?

Das ist richtig. Es dauert lange bis eine intrinsische Motivation erreicht ist. Dazu braucht es eine riesige Frustrationstoleranz. Der Gefangene spricht mit mir ja nicht, weil er möchte, sondern weil er muss. Ich bin Teil des Systems und so gesehen erst mal sein Feind. Aber ohne Gesprächsbereitschaft gibt es für ihn keinerlei Lockerungen. Wir arbeiten so gesehen auch mit Gewalt.

Ist Öffnung in der Psychotherapie nicht unverzichtbar?

Die Psychotherapie ist nochmal eine andere Situation. Als Therapeutin bin ich raus aus dem System des Strafvollzugs. Dann gilt die Schweigepflicht, es werden keine Berichte an die Anstaltsleitung geschrieben, Inhalte aus den Sitzungen sind kein Thema. Der Häftling könnte mit mir auch über alte Straftaten sprechen; selbst das müsste ich für mich behalten. Dennoch lassen sich viele auf diese Offenheit nicht ein.

Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, der als Psychologe im Justizvollzug arbeiten möchte?

Ein klinischer Abschluss in Psychologie ist aus meiner Sicht unverzichtbar. Aber es bedarf auch weiterer Kenntnisse aus anderen Arbeitsfeldern, wie der Entwicklungspsychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie, Rechtspsychologie, um nur einige zu nennen. Therapie macht nicht den Hauptteil der Arbeit aus. Psychologen werden im Strafvollzug mit in die Personalentwicklung eingebunden, sind bei Bewerbungsgesprächen anwesend und geben Unterricht an den Vollzugsschulen.

Wie beurteilen Sie mit Blick auf die psychotherapeutische Arbeit den neuen Gesetzentwurf zur Psychotherapieausbildung?

 Ich finde den neuen Gesetzentwurf zur Psychotherapieausbildung unakzeptabel. Ich mag mir nicht vorstellen, dass künftig womöglich nur noch junge Menschen frisch von der Uni kommen, sofort mit der Psychotherapieausbildung beginnen und dann - egal ob inner- oder außerhalb von Haftanstalten – ins Berufsleben gehen. Ohne Akzeptanz durch Gefangene wird die Arbeit hier nicht funktionieren, und diese Akzeptanz bekommt man erst durch eigene Lebens- und Selbsterfahrung.

Heißt das, der Strafvollzog ist generell auch nichts für junge Psychologen?

So pauschal kann man das nicht sagen. Man kann dort viele Erfahrungen sammeln. Aber: Sie müssen selbstbewusst und stark sein, sonst gehen sie im Strafvollzug unter. Es gibt Naturtalente, auch in jungen Jahren. Die sind standhaft und klar, geerdet, haben keine Angst und strahlen das auch aus, so dass ihr Gegenüber in ihnen nicht in erster Linie den sehr jungen Menschen, sondern eine starke Persönlichkeit sieht, die er dann auch respektieren kann.