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Dr. Markus LangerAn Künstlicher Intelligenz kommt keiner vorbei

Absehbarer Einsatz auf mehreren Arbeitsfeldern von Psychologen

Presse und Politik sind stark fixiert auf den sogenannten Wettlauf um die Künstliche Intelligenz (KI) und die Position Europas in diesem Rennen. Den angeblichen Wettlauf, so warnten US-Firmenchefs in Davos, könnte derzeit China gewinnen. Der Psychologe DR. MARKUS LANGER von der Universität des Saarlandes, Eröffnungsredner beim „Be-in“-Studierenden-Kongress an der SHR Heidelberg, betrachtet die Evolution der KI vor allem aus der psychologischen Perspektive: Wo kann sie helfen? Wohin sollte die Entwicklung nicht gehen? Worin liegt die Verantwortung von Psychologen bei diesem Thema? Für Euch haben wir ihn interviewt.

Womit würden Sie den Eintritt von KI in unser Leben vergleichen, wenn Sie zurück in die Geschichte von Wissenschaft und Technik blicken?

Ich sehe in der KI einen großen Entwicklungsfaktor und globalen Trend, vergleichbar mit der Industriellen Revolution. Welche Rolle die KI in der psychologischen Wissenschaft und Praxis spielen wird, bleibt abzuwarten. Es wird auch davon abhängen, wie stark Psychologen und ihr Berufsverband, der BDP, sich des Themas annehmen, an der ethischen Debatte um die KI teilnehmen und auf mögliche Gefahren bei der Anwendung hinweisen. Und natürlich wird es darauf ankommen, unsere psychologische Kompetenz auf Gebieten wie zum Beispiel Mensch-Maschine Interaktionen deutlich zu machen. Absehbar ist ihr Einsatz jetzt schon in der Arbeits- und Organisationspsychologie, z.B. bei der Personalauswahl, aber auch in der Gesundheitspsychologie. Wenn da nicht rechtzeitig rote Linien gezogen werden, könnten Missbrauch oder Fehlnutzung resultieren.

Woran denken Sie dabei?

Zum Beispiel an die Auswertung von im Internet verfügbaren Informationen und Likes auf Facebook, Twitter und Instagram durch Recruiter und Personalmanager.

Sie sind irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass Psychologie-Studierende heutzutage von Informatik etwas verstehen müssen und leiten ein Seminar, das darin einführt, wo überall in der Arbeitswelt es zu Veränderungen durch Digitalisierung, Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) kommt. Ist das auch an anderen Psychologie-Lehrstühlen bereits Trend?

Darauf würde ich als Student nicht warten. Man kann sich auch selbst mit Grundlagen des Programmierens und Künstlicher Intelligenz zum Beispiel in Online-Kursen beschäftigen. Die Grundlagen des theoretischen Modells, welches dahinter liegt, sind nicht sonderlich schwer zu verstehen. Das habe ich auch gemacht und traue es jedem angehenden Psychologen zu, weil er oder sie schon mal den Vorteil hat, etwas von Statistik zu verstehen.
In aktuellen Debatten wird unter KI mehrheitlich Deep Learning verstanden. Die USA und China setzen auf diese Klasse von Optimierungsmethoden. Erst kürzlich gelangte eine Studie über 25 Jahre KI-Forschung aber zu dem Schluss, dass sich die Ära des Deep Learning dem Ende nähert. Europa hat traditionell seine Stärke im Bereich symbolischer KI-Methoden und sozialer Robotik. Sie zielt anders als Deep Learning darauf ab, kognitive Leistungen wie Logik, Deduktion und Planung in Computern abzubilden. Virginia Dignum, Professorin für Computing Science an der Umeå University in Schweden kritisiert deshalb den Wettlauf mit den USA und China und plädiert stattdessen für zukunftsträchtigere Investitionen in symbolische KI, wo traditionell Europa einen Vorteil habe.

Das klingt alles furchtbar kompliziert. Was werden Sie davon den Kongressteilnehmern zumuten?

Ich habe mir vorgenommen, einen kleinen Überblick zu geben, was denn Künstliche Intelligenz eigentlich ist und was auf diesem Gebiet schon alles passiert ist. Ich möchte den Studierenden die Vorstellung nehmen, dass wir bald von Maschinen ersetzt werden. Das ist relativ unsinnig. Und dann möchte ich ihnen einige praktische Beispiele zeigen aus verschiedenen Berufsfeldern der Psychologie, wo tatsächlich schon KI angewendet wird. Außerdem geht es mir darum, die Rolle der Psychologie in der ganzen Entwicklung und die damit verbundenen beruflichen Chancen unserer Profession zu umreißen. Ich bin überzeugt, Psychologen können in Unternehmen, die viel mit KI arbeiten, einen Mehrwert liefern, vorausgesetzt sie verfügen zusätzlich zu ihrer psychologischen Kompetenz über ein Basiswissen in Informatik.

Hat das Konsequenzen für die Ausbildung von Psychologinnen und Psychologen?

Es muss Konsequenzen für die Ausbildung haben. Wir brauchen Ergänzungen des Curriculums – u.a. durch Informatik. Obwohl Intelligenzforschung klassische psychologische Forschung ist, scheint mir das Bewusstsein noch nicht gereift zu sein, dass die Erforschung Künstlicher Intelligenz damit a u c h psychologische Forschung sein kann. Aber es geht um viel mehr als das: es geht um alle Veränderungen in der Arbeitswelt durch Digitalisierung, Big Data und KI, die sich für die Ausbildung im Studiengang Psychologie eignen; um die Frage, wie Psychologie und KI überhaupt zusammenpassen; um ethische Fragen und Fragen nach der Erklärbarkeit von Algorithmen.

An welchen Punkten sollten Psychologen und ihre Verbände bemüht sein, ihre Expertise in die politische und gesellschaftliche Debatte einzubringen? Oder sollten sie warten auf den Tag, an dem die Politik sie zum Dialog einlädt?

Auf keinen Fall. Und das tut der Berufsverband der Psychologen ja auch nicht. Ich weiß z. B., dass der Verband ein Diskussionsforum über Big Data eingerichtet hat. Das ist immerhin ein allererster Schritt, sich zunächst innerhalb der eigenen Disziplin zu verständigen. Der nächste muss folgen: Die eigene psychologische Expertise in andere Disziplinen hineintragen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit und den interdisziplinären Dialog suchen – mindestens in den Universitätsstädten. Informatiker haben selten eine exakte Idee darüber, was Psychologen tun und was sie in die Debatte um KI, in das weite Feld der Mensch-Maschine-Interaktionen einbringen können. Es gilt jede Option zu nutzen um zu klären: Wir sind nicht nur für die Gesundheitsdebatten geeignete Partner. Wir können auch Wissen und Ideen einbringen, um bereits im Vorfeld möglichen Problemen bei der Kooperation mit Robotern vorzubeugen.

Dank an Dr. Markus Langer, der beim„Be-in“-Kongress den Eröffnungsvortrag halten wird.