Zur BDP-Website Studierende im BDP
Zur Startseite
Studierende im BDP
Kongress
  Programm
  Aktuelles
  Kontakt
Psychologiestudium
Mitgliedschaft im BDP
Newsletter
Praktikumsbörse
Psychologie für alle
Service / Kontakt

 

Michael ZiegelmayerPsychologe in der Reha – eine Aufgabe für GeneralistInnen

Interview mit dem Psychologen und Psychotherapeuten MICHAEL ZIEGELMAYER

Psychisch erkrankte junge Leute – Menschen, die an schweren Persönlichkeitsstörungen, schweren Depressionen oder Schizophrenie leiden - haben häufig das Problem, den Einstieg ins Berufsleben nur unter größten Schwierigkeiten zu erreichen. Der Psychologe Michael Ziegelmayer ist seit über zehn Jahren in Baden-Württemberg in einer Reha-Einrichtung tätig, die sich genau dieser Gruppe von Menschen widmet. Die Einrichtung arbeitet nach dem RPK-Konzept (Rehabilitation psychisch Kranker), einem umfassenden Ansatz zur persönlichen und beruflichen Reha. In Vorbereitung des „Be-in“-Kongresses haben wir mit ihm gesprochen.

Wenn Sie mit einem oder wenigen Worten Ihre Arbeit in der Reha mit schwer psychisch Kranken beschreiben sollen – was würden Sie sagen?

Es ist eine Arbeit für Generalisten.

Kann das dann überhaupt etwas für Berufsanfänger sein, wie die Kongressteilnehmer es demnächst sein werden? Hätten die in Ihrer Einrichtung eine Chance?

Berufsanfänger mit einem Master in Klinischer Psychologie hätten eine gute Chance, vorausgesetzt, es ist eine Stelle frei. Anders wäre das bei jemand mit einem Master in Arbeits- und Organisationspsychologie.

Aber Sie haben selbst auf diesem Feld gearbeitet.

Davon profitiere ich heute auch sehr, wenn es z.B. darum geht für einen unserer Rehabilitanden einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz zu bekommen und meinem Gesprächspartner in der Firma deutlich zu machen, warum dieser Mensch für sein Unternehmen trotz gewisser Einschränkungen ein Gewinn sein kann, oder wenn ich beurteilen muss, wie jemand mit beruflichen Anforderungen umgehen kann, die auf ihn zukommen werden. Da hilft es dann sehr, wenn man sich mit betrieblichen Strukturen auskennt, selbst in verschiedenen Betrieben gewesen ist und dort als Psychologe auch gearbeitet hat.

In anderem Zusammenhang haben Sie mir gegenüber von drei bis vier Tätigkeitsfeldern gesprochen, die zu Ihrer Arbeit gehören. Welche sind das?

Das ist erstens die Einzelbegleitung von Rehabilitanden. Dazu gehören Einzelgespräche - ein klassisches Feld der Klinischen Psychologie und der Psychotherapie. Da muss ich über ein fundiertes Repertoire an psychotherapeutischen Methoden verfügen. Nur Tiefenpsychologie oder nur Verhaltenstherapie funktioniert in dem Kontext kaum. Was noch wichtig ist, ist die Diagnostik, und zwar nicht nur die klinische Diagnostik, sondern auch der Bereich der Leistungsdiagnostik, weil wir häufig die Frage beantworten müssen, für welche Art von Tätigkeit oder Ausbildung die oder der Betroffene sich eignet. Wir erleben immer wieder Über- oder Unterforderungsproblematiken. Der dritte Bereich ist die bereits erwähnte Arbeits- und Organisationspsychologie. Dazu gehört auch, den Arbeitsmarkt ein wenig zu kennen, eine Vorstellung von eventuellen Bedenken in Unternehmen zu haben, um diese nach Möglichkeit ausräumen zu können.

War Ihr eigener Berufsweg eher der eines Suchenden oder sind Sie planvoll auf verschiedenen Gebieten tätig gewesen?

Ich habe in der Erziehungsberatung angefangen. Vier oder fünf Jahre später habe ich das Angebot eines Kollegen angenommen und bin in die Arbeits- und Organisationspsychologie gewechselt. Ich habe da viel Diagnostik gemacht; das hat mir gefallen. Gleichzeitig habe ich dort aber auch eine Kollegin erlebt, die am Fließband Therapiesitzungen durchführte, acht oder neun am Tag. Das wollte ich auf keinen Fall. Und so kam es irgendwann zu der Entscheidung, mit all den Erfahrungen, die ich bereits hatte, in die Rehabilitation mit schwer psychisch Kranken zu gehen. Diesen Schritt habe ich nie bereut. Der stabile äußere Rahmen im Wohnen und in der Arbeitstherapie plus psychologisch-ärztliche Begleitung sowie ergänzende Therapien und ein Sportangebot helfen den Rehabilitanden, im Verlauf einer zweijährigen Reha in einen stabilen Tagesrhythmus zu kommen und später in einen Arbeitsprozess zu gehen, während sie noch bei uns wohnen und betreut werden. Die gegenwärtige Arbeitsmarktlage erleichtert es, solchen Menschen einen Arbeitsplatz zu vermittelt. Dort zu arbeiten ist sinnvoll und sehr befriedigend. Allein zu erleben, wie junge Leute, die am Anfang extreme Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu organisieren und eine Arbeit zu verrichten, am Ende ihren Weg in diese Selbstständigkeit finden, ist großartig. Es hat meine Sicht auf Erfolg sehr relativiert.

Sie haben eingangs den Master in Klinischer Psychologie erwähnt als gute Voraussetzung für die Arbeit in einer Einrichtung wie der Ihren. Der Master an sich eignet sich als Einstellungskriterium also noch nicht?

So ist es. Mindestens Klinische Psychologie mit Diagnostik, dazu Kenntnisse im Bereich der Psychiatrie sind wichtig. Längerfristig wird es ohne Approbation bei dieser speziellen Arbeit nicht gehen. Das hat auch mit den Kostenträgern zu tun.

Damit scheiden Bachelor völlig aus?

Wer noch keinen Masterstudienplatz hat, könnte sich auch als Bachelor bei uns im Alltags- und Wohnbereich eine Stelle bekommen und so erstmal einen Eindruck von dieser einerseits sehr erfüllenden, andererseits auch sehr fordernden Arbeit mit schwer psychisch Kranken gewinnen. Das wäre sogar etwas für Praktikanten, die in der Alltagsbetreuung eingesetzt werden könnten.

Sie werden ja zwei Seminare beim Kongress anbieten, worum geht es im zweiten?

Im zweiten, berufspolitischen Seminar geht es darum, den Studierenden zu vermitteln, was es ihnen bringt, wenn sie sich im BDP engagieren und Berufspolitik aktiv betreiben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Hälfte der spannenden Themen, mit denen ich mich in den zurückliegenden Jahrzehnten beschäftigt habe, hätte ich ohne den BDP gar nicht kennengelernt.

Danke für das Gespräch.